Mano Games, ein Lernspiel aus der Hausaufgabe von gestern
Die Eltern schicken die Hausaufgabe am Abend vorher als Foto. In der Nachhilfestunde am nächsten Tag spielt das Kind ein Spiel, in dem genau diese Aufgabe steckt. Vier von uns waren 90 Minuten bei Mano Games in Zürich: Mitgründer Max Giang hat uns durch das Büro im Accelerator geführt, unsere Fragen beantwortet, gezeigt, wie er die Spiele baut, und am Schluss haben wir eines davon gegeneinander gespielt.
- Wann
- Do, 17. September 2026, 17:30
- Wo
- UPortunity, Hardturmstrasse, Zürich
- Wer
- 4 Schüler · Mitgründer Max Giang
- Dauer
- 90 Minuten
Was Mano Games baut
Mano Games baut Lernspiele. Gegründet haben die Firma die Brüder Max und Christian Giang. Max hat an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert, Christian hat über Lerntechnologien promoviert.
Das Spiel entsteht aus einer echten Hausaufgabe. Die Eltern schicken sie, meist als Foto über WhatsApp, in der Regel 24 Stunden vor der Nachhilfestunde. Daraus baut die Firma zwei Dinge: einen Plan für diese Stunde, mit Lernzielen, Ablauf und Zeitangabe, und die Spiele, die darin vorkommen.
So machen sie es im Moment. Vorher haben sie Spiele im Auftrag gebaut, für Firmen und aus der Forschung heraus, die Kopplung an die Nachhilfe ist erst in den letzten Wochen dazugekommen.
Gespielt wird nicht allein zu Hause, sondern in der Nachhilfestunde. Die Tutorinnen und Tutoren arbeiten mit den Spielen, und über sie kommt Mano Games an seine Kunden. Der Weg über einzelne Familien würde viel Geld für Werbung kosten, ohne dass am Ende Kunden da sind.
So arbeiten sie seit zwei Wochen. Rund zehn Schülerinnen und Schüler und rund zehn Tutorinnen und Tutoren sind dabei. Mehr nehmen sie gerade nicht, weil sie mit dem Aufsetzen des Systems sonst nicht hinterherkommen.
Angefangen haben sie mit Mathematik. Die Begründung: Wenn es für Mathe funktioniert, funktioniert es sehr wahrscheinlich auch für Physik, und Mathe ist die Basis der Naturwissenschaften. Sprachen wollten sie zuerst gar nicht machen, weil es Duolingo gibt und eine Abgrenzung schwierig ist. Über die Gymiprüfungen, in denen Deutsch und Mathe gefragt sind, sind trotzdem Deutschspiele entstanden.
Wie aus einer Hausaufgabe ein Spiel wird
Für eine interaktive Lernumgebung hat man früher sechs bis zwölf Monate gebraucht. Mit KI sind es ein bis drei Tage.
Sinngemäss nach Max Giang, Mitgründer
Aus Christians Forschung ist ein Simulator für Apotheken entstanden, in dem man Kundenservice nachspielt. Der hat sechs bis zwölf Monate gebraucht und ist bis heute in Entwicklung.
Damit das schnell geht, wiederholt sich unter den Spielen sehr viel. Sie teilen sich gemeinsame Bausteine: ein Multiplayer-Gerüst mit Lobby, ein immer gleiches Onboarding, denselben Pause-Knopf oben im Bild. Ein neues Spiel greift darauf zu und verändert die anderen nicht.
Gebaut wird mit Claude Code, einem KI-Werkzeug, das im Terminal läuft und Code schreibt. Max hat sich darin eine eigene Sammlung von Anweisungen angelegt, die er immer wieder aufruft. Eine davon startet ein neues Spiel: Er sagt, welche Mechanik und welches Thema es haben soll, den Rest baut die KI aus den gemeinsamen Bausteinen.
Das Ziel sind Templates: Vorlagen, die zu einem Aufgabentyp passen und beim nächsten Schüler wieder benutzt werden. Diese Sammlung wird gerade erst aufgebaut. Bis sie steht, entsteht pro Fall Neues.
Max hat von sich aus gesagt, dass sich Informatik trotzdem zu lernen lohnt. Er gibt vor, wie das System aufgebaut ist. Ohne diese Vorstellung im Kopf übernimmt man, was die KI vorschlägt, und dreht sich im Kreis.
Mano Games in Zahlen
Wie eine Nachhilfestunde abläuft
Jede Stunde ist wie ein Experiment gebaut. Am Anfang spielt der Schüler ein Spiel, dann kommt die Stunde, am Ende dasselbe Spiel noch einmal. Nach jeder Runde wird gefragt, wie viele Aufgaben richtig waren. Aus dem Vergleich der beiden Runden liest die Firma eine Tendenz. Steigt sie nicht, war das Spiel nicht gut genug.
Die Tutorinnen und Tutoren bekommen zu jeder Stunde einen Leitfaden mit dem, was sie zeigen sollen. Sie dürfen und sollen davon abweichen. Der Leitfaden nimmt ihnen die Vorbereitung ab, die Entscheidung, was ein Schüler in dieser Stunde braucht, bleibt bei ihnen.
Die meisten Spiele sind für zwei Personen gebaut. Wer richtig liegt, bekommt Punkte. Bei uns lief das am Schluss über einen QR-Code: zwei Handys, ein Spiel, dieselbe Aufgabe. Max hat gesagt, dass selbst ein Spiel mit einer unspektakulären Mechanik dadurch funktioniert: Der Gegner sorgt für die Motivation, die das Thema allein nicht hergibt. Den Link kann man Freunden schicken und ausserhalb der Nachhilfe weiterspielen. Die Zahlen darin richten sich nach der Hausaufgabe, die eingescannt wurde.
Den Inhalt macht die KI, das Unterrichten bleibt beim Menschen. Der Tutor merkt, wo jemand hängt, fragt nach und bespricht die Stunde nach. Weil die Vorbereitung wegfällt, kann auch jemand Nachhilfe geben, der nicht aus dem Schulfach kommt: Eine ihrer Tutorinnen ist Erzieherin.
Was wir gefragt haben
Baut ihr für jede Person ein eigenes Spiel?
Wie stellt ihr sicher, dass ein Spiel interessant bleibt?
Woher wisst ihr, dass jemand etwas gelernt hat?
Wie kommt ihr an eure Kunden?
Was macht ein Tutor dann überhaupt noch?
Was, wenn die Kinder noch nicht lesen können?
Wie die Firma entstanden ist
Max wollte Elektrotechnik studieren, weil er in Mexiko gearbeitet hat und dort gesehen hat, was fehlt, wenn es keine Elektrizität und keine sanitären Anlagen gibt. Im Studium ist er zur künstlichen Intelligenz gewechselt, bevor das ein grosses Thema war, und hat seine ersten Paper geschrieben. Er hat mit Bildern gearbeitet: Computern beibringen, zu sehen. Ihn hat daran interessiert, wie nah das am Menschen ist. Eine Anleitung zum Sehen bekommt niemand, weder der Mensch noch der Computer, beide lernen es an Beispielen.
Während seines Masters hat sein Bruder die erste Firma gegründet. Sie hat Bewegungen des menschlichen Körpers verfolgt und diese Daten für Sportstatistik benutzt. Max hat dort bis 2024 gearbeitet, dann war die Technologie weitgehend fertig und für ihn wenig zu tun.
Danach hat er angefangen, mit KI Spiele zu bauen, ohne Erfahrung in der Spieleentwicklung. Sein Bruder kam auf ihn zu, weil er in seiner Forschung dasselbe Problem von der anderen Seite kannte: Lernumgebungen dauern zu lang. Christian hatte den Tischroboter Thymio ins Klassenzimmer gebracht, ein kleines weisses Gerät, das man selbst programmiert. Daraus ist ein Escape Room geworden: Man löst eine Aufgabe, indem man den Roboter programmiert, dafür setzt man Blöcke zusammen, und wer die richtige Abfolge findet, kommt weiter. Nach Angaben von Mano Games haben ihn rund 13'000 Schülerinnen und Schüler in der Schweiz gespielt. Bis er stand, sind drei Jahre vergangen, er ist im Rahmen von Christians Doktorarbeit entstanden.
Nicht alles hat funktioniert. Eines ihrer ersten Spiele führte durch verschiedene Berufe, ein Teil davon erklärte künstliche Intelligenz: Man stellt darin seinen eigenen Datensatz zusammen und bringt einem Programm bei, Hunde von Katzen zu unterscheiden. Gebaut haben sie es in Pixel-Grafik, und in der Berufswelt kam das nicht an: Für Unternehmen wirkte es zu kindisch.
Die beiden Brüder haben schon als Kinder zusammengearbeitet: Sie haben Karate gemacht und im Team gekämpft.
Was der Accelerator bringt
Mano Games sitzt im ETH Start-up Accelerator UPortunity, der durch die UBS ermöglicht wird. Das Programm dauerte bei ihnen drei Monate, den Arbeitsplatz dürfen sie bis November nutzen.
Max hat uns zwei Gründe genannt, warum Startups auseinanderfallen. Der erste ist Streit zwischen den Gründern. Dagegen hilft, sehr früh aufzuschreiben, wer wofür verantwortlich ist und was im Streitfall passiert. Der zweite trifft Leute von der ETH besonders: Sie sind lösungsorientiert und bauen eine gute technische Lösung für ein Problem, das es nicht gibt. Danach steht die Lösung da und niemand kauft sie. Ein Accelerator übt deshalb, früh mit Kunden zu reden und das Problem vor der Lösung zu suchen. Bezahlt wird das mit Zeit: viele Workshops und Meetings, in denen man nicht am eigenen Produkt arbeitet.
Die Firma finanziert sich über ihre Kunden. Max sagt, das Aufnehmen von Geld werde romantisiert. Jeder Investor bekommt Prozente, und irgendwann gehört die Firma nicht mehr einem selbst.
Woran sie ausserdem arbeiten
Ein Teil ihrer Arbeit sind Aufträge von Firmen. Für den Messestand eines der grössten Chip-Hersteller haben sie einen Endless Runner gebaut, der über einen QR-Code läuft: Man weicht auf einer Rennstrecke aus und beantwortet zwischendurch Fragen zu den Produkten dieser Firma. Dasselbe Spiel haben sie danach zu einem Mathespiel umgebaut.
Max hat uns ausserdem gezeigt, woran er sonst sitzt. Aus einem einzelnen Bild macht er eine 3D-Figur samt Skelett, auf seinem eigenen Server dauert das fünf bis zehn Minuten. Mit Gaussian Splatting baut er ganze Räume aus Fotos nach, als Wolke aus Millionen Partikeln, jedes mit einer Farbe. Den Eingangsbereich eines ETH-Gebäudes hat er so nachgebaut und uns live darin herumgeführt. Wo keine Fotos hinkamen, erfindet das Modell die Rückseite. Brauchbar wäre das für die Ausbildung an echten Geräten, zum Beispiel an einem Windrad.
Vor Ort
Was ich mitgenommen habe
Erst das Problem, dann die Lösung. Max hat gesagt, an der ETH bauen viele eine gute Lösung für ein Problem, das es nicht gibt. Ich finde das den nützlichsten Satz des Abends, weil ich es selbst so mache: Ich baue zuerst und frage danach, ob es jemand braucht.
Mit KI bauen heisst nicht, nichts mehr zu können. Max lässt fast allen Code von der KI schreiben und sagt trotzdem, dass sich Informatik zu lernen lohnt. Wer nicht sagen kann, wie etwas gebaut werden soll, bekommt das, was die KI vorschlägt.
Nicht jede Firma braucht Investoren. Mano Games finanziert sich über die eigenen Kunden. Für mich war neu, dass das eine Entscheidung ist und kein Notfall.
Danke an Max und das Team
Danke an Max Giang und Mano Games. Er hat uns 90 Minuten an einem Arbeitsabend gegeben, hat uns seinen Code und seine unfertigen Versuche gezeigt und am Schluss mit uns gespielt.
Louis hat Max im Juni 2026 am Demo Day desselben Accelerators kennengelernt und ihn danach angeschrieben. Aus diesem Gespräch ist dieser Besuch geworden. Genau dafür gibt es StartupVisit.
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