Tethys Robotics, der Roboter, der hört statt sieht
Einen halben Meter unter der Oberfläche ist das GPS weg, und weiter als drei Meter sieht man nicht. In einem Hafenbecken hat dieser Tauchroboter trotzdem ein Motorrad gefunden. Fünf von uns waren 90 Minuten im Labor und haben gefragt, wie das geht.
- Wann
- Mi, 22. April 2026, 16 Uhr
- Wo
- Wyss Zurich, Weinbergstrasse, Zürich
- Wer
- 5 Schüler · Mitgründer Jonas Wüst
- Dauer
- 90 Minuten
Was Tethys baut
Tethys Robotics ist ein Spin-off der ETH Zürich. Die Firma sitzt im Gebäude von Wyss Zurich, zusammen mit rund zehn anderen Startups, die meisten davon in der Medizintechnik. Tethys baut Unterwasser-Roboter.
Der aktuelle heisst Tethys ONE. Er ist 60 Zentimeter lang, wiegt 35 Kilo, und eine Person kann ihn tragen. Dieselbe Arbeit machen sonst Taucher oder Tauchroboter von etwa drei auf fünf Metern, die mit einem Kran ins Wasser gelassen werden.
Der Roboter kontrolliert Bauwerke unter Wasser: Offshore-Windparks, Öl- und Gasplattformen, Hafenanlagen, Pipelines und die Internetkabel, die von Portugal in die USA und nach Kanada laufen. In der Schweiz gibt es davon fast nichts, deshalb gibt es hier einen Fall: die Wasserkraft, vor allem Staudämme.
Salzwasser frisst Metall. Die Internetkabel in Küstennähe liegen flach, und Schiffsanker bleiben daran hängen. Windturbinen werden per Reglement alle vier Jahre geprüft. Ihr häufigster Ausfallgrund ist laut Jonas das Kabel unten: Es kommt aus dem Meeresboden, die Wellen bewegen es dauernd, und irgendwann bricht es.
Reparieren kann der Roboter nichts. Er liefert Fotos, Sonarbilder und Messwerte. Jonas hat die Aufgabe als Frage beschrieben: Was müsste hier gemacht werden, und könnt ihr weitermachen oder nicht? Der Kunde nimmt die Daten und gibt sie an seinen eigenen Kunden weiter.
Wie sich der Roboter zurechtfindet
Unter Wasser gibt es kein GPS. Einen halben Meter unter der Oberfläche ist das Signal weg. Die Sicht ist auch schlecht: In sehr gutem Wasser sind es drei bis vier Meter. Jonas zeigte auf die Wand gegenüber und sagte, so weit sehe man in keinem Gewässer, auch nicht in der Karibik.
Der Roboter arbeitet deshalb mit Schall statt mit Licht.
Jonas erklärte es uns mit einer Fledermaus: Die orientiert sich über Geräusche, genau das macht der Roboter unter Wasser.
Sinngemäss nach Jonas Wüst, Mitgründer
Sein zweiter Vergleich war der Ultraschall beim Arzt: verrauscht, man erkennt nicht alles, aber man sieht, dass etwas da ist.
Der Roboter hat mehrere akustische Sensoren an Bord. Einzeln ist keiner davon genau. Zusammen funktionieren sie: Die Daten laufen in ein gemeinsames Framework, und ein Algorithmus macht daraus einen einzigen Wert. Das Ergebnis ist zentimetergenau. Während der Roboter fährt, baut er in Echtzeit eine 3D-Karte seiner Umgebung auf.
Tethys ONE in Zahlen
Wie er gesteuert wird
Gesteuert wird der Roboter mit einem Xbox-Controller. Jemand aus unserer Gruppe hat ihn auf einer Folie entdeckt, bevor Jonas dort war. Jonas lachte und sagte, das sei die normale Reaktion. Wer in einem Spiel schon einen Helikopter geflogen hat, kennt das Prinzip: Der Roboter bewegt sich in jede Richtung, und man kann überall hinschauen.
Der Bildschirm ist wie ein Gaming-Interface aufgebaut. In der Mitte ein künstlicher Horizont, oben links das Sonar für alles, was weiter weg ist als die Kamera reicht, daneben das Videobild, rechts eine Minimap. Die Minimap ist wichtig, weil ein See überall blau aussieht: Ohne sie weiss der Pilot nicht, wo das Boot ist und wo er selbst. Positionen kann man mit Foto abspeichern und später wieder anfahren.
Bei den Hauptaufträgen steuert niemand von Hand. Jonas hat das mit einem Staubsauger-Roboter verglichen, nur fliegend: Die Fläche wird vorher festgelegt, und der Roboter fährt sie systematisch ab und sammelt dabei Kamera- und Sonardaten. Eine echte Kollisionserkennung gibt es nicht. Der Roboter hält Abstand über Boden, aber in eine Fischerleine kann er reinfahren.
In einem Demo-Video hat das Team ein Motorrad in einem Hafenbecken gesucht. Sie haben mehrere Objekte angeschaut, und keines war das Motorrad. Am Ende haben sie es gefunden.
Was wir gefragt haben
Ist das Vermessung oder etwas anderes?
Vor allem Inspektion vorher: herausfinden, was gemacht werden müsste und ob weitergearbeitet werden kann.
Gibt es etwas, das ihn vom Reinfahren abhält?
Keine echte Kollisionserkennung. Der Roboter baut unterwegs eine 3D-Karte auf und hält Abstand über Boden. Eine Fischerleine bleibt ein Risiko.
Könnte man ihn in einer virtuellen Welt steuern, wenn es eine 3D-Karte des Gewässers gäbe?
Ja. Solche Karten existieren aber meistens nicht, und was es gibt, ist zu grob. Deshalb fängt Tethys einen Auftrag oft damit an, sich selbst eine Karte zu machen.
Wie viele Leute arbeiten unten in der Werkstatt?
Drei sind für die Hardware zuständig. Der Rest der Arbeit läuft auf Code-Ebene.
Woher der Name kommt
In „Tethys" stecken die drei Buchstaben E-T-H. Tethys ist ausserdem eine Tiefseegöttin aus der griechischen Mythologie, die auch mit Flüssen zu tun hat. Und vor rund 50 Millionen Jahren hatte die Schweiz eine Küste; das Meer davor hiess Tethys-Meer. Der Nachteil ist laut Jonas die Schreibweise, den Namen buchstabiert niemand auf Anhieb richtig.
Wie die Firma entstanden ist
Jonas ist über einen Schulbesuch zur Robotik gekommen. Seine Klasse am Gymnasium in St. Gallen durfte eine Woche an die ETH Zürich, und sie haben in dieser Woche einen Fisch gebaut: eine Röhre und drei Flossen, aus Plexiglas geschnitten, weil es 3D-Druck noch nicht gab. Die Flossen konnten wedeln. In Viererteams mussten sie den Fisch so schnell wie möglich eine Poollänge schwimmen lassen. Das war sein erster Kontakt mit Robotik, und er war unter Wasser.
Später hat er an der ETH Maschinenbau studiert. Viel Mathematik, viel Physik. Im Bachelor wollten er und ein Kollege ein eigenes Projekt bauen. Sie sind mit einem frühen Prototypen zu Professor Roland Siegwart gegangen, der das Labor leitet, und haben gefragt, ob daraus eine Bachelorarbeit werden kann. Er hat zugesagt.
Dieser erste Roboter hing an dicken Kabeln am Stromnetz und hatte etwa zwanzig Meter Reichweite. Für einen echten Auftrag war er nicht zu gebrauchen. Sie sind damit trotzdem an einen Wettbewerb in den USA gefahren, als erstes Schweizer Team überhaupt, und wurden im oberen Drittel.
Danach kamen Tests im Thunersee auf 200 bis 300 Meter, Tests mit der Schweizer Armee und mit der Polizei in Genf und die ersten echten Inspektionen an Flusskraftwerken und Staudämmen. Ein Roboter dazwischen war strömungsoptimiert und wog 120 Kilo, was zu schwer war. Auf einem Foto, das Jonas uns gezeigt hat, ist ein Taucher der Armee zu sehen; das Foto gibt es, weil sie den Roboter wieder aus dem Wasser holen mussten, da er nicht richtig funktioniert hat. Angefangen hat Tethys 2018 oder 2019, es sind also rund sieben Jahre vergangen.
Vor Ort
Was ich mitgenommen habe
„Du musst rausgehen." Jonas hat gesagt, Kunden kommen nicht von selbst nach Zürich. Man geht an Messen, ruft Leute an, fährt hin. Das hat mit Robotern nichts zu tun, und für mich war es das Nützlichste am Nachmittag.
Grosse Sachen fangen klein an. Tethys war ein Studienprojekt. Der erste Prototyp hing am Kabel, ein späterer wog zu viel, und nach sieben Jahren steht ein Produkt da.
Das wird hier gebaut. DeepTech ist nicht nur im Silicon Valley, sondern an der Weinbergstrasse in Zürich, eine Zugfahrt von unserer Schule entfernt. In der Schule weiss das kaum jemand.
Danke an Jonas und das Team
Danke an Jonas Wüst und das Team von Tethys Robotics. Sie haben uns 90 Minuten eines Arbeitsnachmittags gegeben, in einem Labor voller teurer Geräte, mit fünf Schülern, die alles anfassen wollten.
Und noch eine Sache. Jonas ist über einen Schulbesuch zur Robotik gekommen: eine Woche an der ETH, ein selbst gebauter Roboter-Fisch. Aus diesem Grund gibt es StartupVisit.
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